Carpe diem
Ein äußerst bemerkenswertes Wassertier ist der Grönlandhai oder Eishai. Er kann bis zu acht Meter lang werden und bringt dann gut und gerne 2,5 Tonnen auf die Waage. Man weiß nicht genau, ob er gut sehen kann, weil bei allen Exemplaren, die man untersuchen konnte, die Augen von Parasiten befallen waren. Das wirklich Bemerkenswerte ist aber seine Eigenschaft, bis zu 400 Jahre alt werden zu können. Noch mal in Worten: Vierhundert. Das ist doch ungeheuerlich. Es gibt auch einen Schwamm, der bis zu 10 000 Jahre alt werden kann, okay, aber ein Wirbeltier, das hin und her schwimmt, frisst und Junge zur Welt bringt!
Es ist nicht so, dass ich das beneidenswert finde. Gut, vielleicht ist das Leben als Eishai ohnehin etwas langsamer. Es passiert vielleicht nicht so viel. Aber nehmen wir an, ich wäre so ein Eishai und hätte ein bisschen mehr als die Hälfte meiner erwartbaren Lebensspanne hinter mir. Dann hätte ich schon gelebt, als Napoleon Bonaparte regierte. Natürlich hätte ich von der ganzen Weltgeschichte aber nichts mitbekommen. Geschlechtsreif wäre ich auch erst vor kurzem geworden. Das passiert beim Grönlandhai mit circa 150 Jahren. Ich müsste mir überhaupt keine Gedanken über den heutigen Tag machen, denn morgen kommt ja wieder einer und dann noch einer. Ein Ende wäre nicht abzusehen. Was du heute kannst verschieben, das besorge nicht schon morgen. Das wäre mein Lebensmotto.
Ja, ich wäre als Eishai in der akuten Gefahr, zu verlottern. Ich würde, vorausgesetzt meine Ernährung wäre gesichert, morgens einfach nicht aus dem Bett kommen und dann völlig sinnlos in den Tag hineinleben. Darüber macht sich der real existierende Grönlandhai offenbar gar keine Gedanken. Es würde mich nicht weiter verwundern, wenn schon bald eine private Initiative mit Tierärzten, Tierpsychologen und Tiertherapeuten ins Eismeer aufbricht, um den Eishai dazu zu bringen, mit seinem Leben endlich etwas anzufangen. Carpe diem!